Wie Fehlerangst und die Angst vor Bewertung inneren Druck erzeugen und wie du wieder mehr Vertrauen in dich entwickeln kannst
Eigentlich weißt du, dass du deinen Job kannst, denn du hast Erfahrung und bekommst vieles gut hin. Vielleicht fragen dich andere sogar um Rat, denn sie erleben dich als kompetent. Und trotzdem gibt es zu oft diese Momente.
- Du schickst eine wichtige E-Mail ab und nachts um halb zwei ist dein Kopf plötzlich der Meinung, jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, die Mail noch einmal gedanklich durchzugehen und auf mögliche Fehler zu prüfen.
- Du hast ein Gespräch geführt und Stunden später fragst du sich, ob du etwas Falsches gesagt hast.
- Du triffst eine Entscheidung und könntest die Sache eigentlich abhaken. Eigentlich, doch stattdessen beginnt Runde zwei, drei … Was, wenn ich etwas übersehen habe?
Solche Fragen wie: War das richtig? Habe ich etwas übersehen? Was, wenn ich einen Fehler gemacht habe und was denken dann die anderen über mich? sind deine treuen Begleiter.
Vielleicht kennst du diesen Widerspruch gut. Du weißt, dass du kompetent bist und trotzdem zweifelst du an dir? Und irgendwann fragst du dich: Warum ist das eigentlich so?
Warum habe ich Angst, Fehler zu machen, obwohl ich kompetent bin?
So widersprüchlich ist das gar nicht, denn dein Können ist das eine, das Vertrauen in dich selbst etwas anderes.
Kompetenz bedeutet: Du hast Wissen, Erfahrung und Fähigkeiten.
Innere Sicherheit bedeutet: Du vertraust dir und darauf, dass du mit einer Situation umgehen kannst, auch dann wenn nicht alles perfekt läuft.
Du kannst also sehr gut in deinem Job sein und vor einem wichtigen Gespräch trotzdem an dir zweifeln. Da hilft der Satz: „Ich weiß doch, dass ich das kann“ manchmal nur begrenzt.
Woher kann die Angst vor Fehlern kommen?
Du arbeitest vielleicht in einem Umfeld, in dem Fehler schnell kritisiert werden oder du hast Mal eine schlechte Erfahrungen gemacht, nachdem etwas nicht funktioniert hat, vor allem dann, wenn der Fehler unangenehme Folgen hatte.
Oft aber beginnt das Muster schon viel früher. Warst du als Kind vielleicht schon diejenige, die es besonders gut machen wollte? Dann hast du vielleicht früh gelernt, besonders fleißig, angepasst und zuverlässig zu sein. Vielleicht bekamst du viel Anerkennung für gute Leistungen, dann waren alle zufrieden und es blieb ruhig, aber auf Fehler wurde mit Kritik, Enttäuschung oder sogar Beschämung reagiert.
Ein Kind findet einfach Wege, mit seiner Umgebung klar zu kommen. Wege, die helfen sollen, Kritik und Ablehnung zu vermeiden und Sicherheit zu gewinnen. Dabei können tiefe innere Regeln entstehen wie:
- Ich darf keine Fehler machen
- Ich darf niemanden enttäuschen
- Ich muss beweisen, dass ich gut genug bin….
So manches, was damals geholfen hat, läuft später weiter, selbst wenn du längst erwachsen bist und dein Leben gut meisterst. Und da sind wir beim inneren Kind.
Was hat das innere Kind mit Fehlerangst zu tun?
Vermutlich kennst den Begriff des inneren Kindes aus Büchern. Damit ist kein echtes Kind gemeint, das irgendwo sitzt. Das innere Kind ist ein Bild für das Kind, das du einmal warst und beschreibt seine alten Gefühle, Überzeugungen und Schutzmuster, die aus Erfahrungen entstanden sind.
Der erwachsene Anteil weiß, dass du etwas kannst, aber der kindliche Anteil meldet sich sofort mit der Warnung „Pass bloß auf. Mach keinen Fehler“. Das ist der Grund, warum Selbstzweifel so hartnäckig sein können und Kontrolle oft als das Heilmittel erscheint.
Wenn du dir dessen bewusster wirst und diesem kindlichen Anteil in dir liebevoll Aufmerksamkeit schenkst, statt ihn wegzudrücken, ist das ein erster Schritt, den du in Richtung Gelassenheit gehen kannst.
Da alte Muster meist nicht einfach so verschwinden, nur weil der Verstand sie durchschaut hat, braucht es auch neue Erfahrungen in deinem Leben, so dass du erkennst und fühlst:
Ich kann nervös sein und trotzdem ein gutes Gespräch führen.
Ich kann einen Fehler machen und trotzdem geht die Welt nicht unter.
Jemand kann anderer Meinung sein und ich bin trotzdem okay.
Du musst kein völlig neuer Mensch werden. Es reicht zunächst, wenn du beginnst, verständnisvoller mit dir und deinen alten Gefühlen umzugehen.
Warum steckt hinter Fehlerangst oft mehr als der Fehler selbst?
Stell dir vor, du machst tatsächlich einen Fehler. Was wäre dann daran für dich so schlimm?
Die erste unaufgeregte Antwort könnte sein: „Dann muss ich ihn korrigieren.“ Okay, das wäre machbar. Doch oft steckt dahinter etwas anderes:
- Dann denken die anderen, ich bin nicht kompetent.
- Dann stehe ich schlecht da.
- Dann habe ich jemanden enttäuscht
- Dann bin ich nicht gut genug….
Bemerkst du es? Hier geht es gar nicht mehr um den Fehler an sich. Es geht um dich. Es macht einen großen Unterschied, ob du denkst:
„Das ist mir nicht gut gelungen“
oder
„Ich bin nicht gut genug„
Das erste beschreibt den Moment bzw. die Handlung und das andere stellt gleich dich als ganzen Menschen infrage. Kein Wunder, dass sich dann ein kleiner Fehler plötzlich riesig anfühlen kann.
Hier kann es hilfreich sein sich ein paar Fragen zu stellen:
Was passiert gerade tatsächlich und was befürchte ich? Welche Erfahrungen sprechen dagegen und was würde ich einer guten Freundin in derselben Situation sagen?
Angst vor Bewertung: Warum die Meinung anderer so viel Druck macht
Hinzukommt die Angst vor Bewertung, die Druck macht. Vielleicht beobachtest du nicht nur dich selbst sehr genau, sondern auch die anderen. Der Chef schaut ernst, die Kollegin antwortet ungewöhnlich knapp und jemand meldet sich nach deiner Nachricht nicht sofort zurück und schon startet die innere Detektivarbeit.
War etwas? Habe ich etwas falsch gemacht? Ist die Person eventuell sauer auf mich? Dabei hatte der Chef einfach Kopfschmerzen, die Kollegin einen schlechten Tag und der Mensch, der nicht antwortet, ist gerade einkaufen. Das kannst du natürlich nicht wissen, also füllt dein Kopf die Lücke und schreibt leider dabei nicht immer die freundlichste Geschichte.
Wenn es dir sehr wichtig ist, wie andere dich bewerten, nimmst du jedes kleine Signal viel stärker wahr und beziehst jede Reaktion auf dich persönlich, das kann ganz schön anstrengend werden und das nicht nur, wenn du tatsächlich Mal einen Fehler gemacht hast.
Oft hat die Reaktion der anderen Menschen gar nichts oder nur sehr wenig mit dir zu tun, aber es müssen dich auch nicht alle immer gut finden. Das wird auch sehr schwer zu realisieren sein, selbst wenn du keine Fehler machen würdest.
Wir können nicht alles kontrollieren, auch wenn wir uns das gerne so wünschen. Wir können aber darauf achten, wie wir selbst auf Situationen und Gedanken reagieren und unser Gedankenlabyrinth stoppen.
Wie Selbstvertrauen auch aussehen kann
Selbstvertrauen wird manchmal so dargestellt, als müsste man irgendwann durchs Leben gehen und nie wieder zweifeln. Schöne Vorstellung, nur ziemlich unrealistisch. Im echten Leben sieht Selbstvertrauen vielleicht viel unscheinbarer aus wie
- Ich weiß nicht, ob das die perfekte Entscheidung ist, aber ich kann mit dem Ergebnis umgehen, egal wie es aussieht.
- Das Gespräch war nicht ideal und wenn nötig kläre ich das später nochmal.
- Diese Person sieht das anders als ich. Das darf sein.
Es geht nicht darum, nie wieder Angst oder Zweifel zu haben. Viel wertvoller ist die Erfahrung, dass dir nicht gleich der Boden unter den Füßen weggezogen wird, wenn etwas anders läuft als geplant.
Beginne mit kleinen Situationen und beobachte ohne Druck, wann du unnötig kontrollierst oder nach Bestätigung suchst. Was wären hilfreichere Gedanken in dieser Situation?
Lass kleine Dinge bewusst „nur gut genug“ stehen und sammle deine Erfahrungen. Was passiert dann tatsächlich?
Schau auch Mal auf das, was du längst kannst und was du schon alles gut gemeistert hast. Das ist bestimmt eine ganze Menge. Erstelle dir, wenn du magst deine „Erfolgsliste“.
Dein Leben darf aus mehr als Leistung, Kontrolle und der Frage, was andere wohl denken bestehen.
Der Gedanke „Wenn etwas schief geht, finde ich einen Weg damit umzugehen“ kann entlasten und bietet die Möglichkeit, wieder etwas freier zu leben. Du darfst kompetent sein und trotzdem Fehler machen. Fehler sind menschlich und machen zuweilen auch sympathisch.
Ein kleiner Perspektivwechsel auf Fehler zum Abschluss
Und manchmal kann aus einem Fehler etwas richtig Gutes entstehen. Zum Abschluss dieses eher ernsten Themas möchte ich deshalb noch eine kleine Geschichte aus Italien mit dir teilen als kleinen Perspektivwechsel auf all das, was nicht nach Plant läuft.
Man erzählt sich, dass die berühmte Torta Caprese genau so entstanden ist.
Ein Koch sollte für drei amerikanische Gangster einen Schokoladenkuchen backen. Vor lauter Aufregung und vermutlich auch aus Angst, etwas falsch zu machen, vergaß er das Mehl im Teig. Eigentlich ein Fehler.
Doch das Ergebnis war ein Kuchen, der außen leicht knusprig und innen wunderbar saftig und weich war. Die Gäste sollen begeistert gewesen sein und aus diesem Missgeschick wurde später eine der bekanntesten Süßspeisen der Insel Capri.
Wäre doch ziemlich schade, wenn dieser Fehler nie passiert wäre.
Vielleicht ist das ein schöner Gedanke zum Mitnehmen: Zwar führt nicht jeder Fehler zu etwas Großartigem, aber auch nicht jeder Fehler ist eine Katastrophe. Manchmal ist ein Fehler einfach nur ein Umweg und manchmal führt er uns sogar zu etwas, das ohne ihn nie entstanden wäre.
P.S.: Wenn du spürst, dass du dir mehr Sicherheit und Ruhe im Kopf wünschst, dann melde dich gerne bei mir.
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Hinweis zu Coaching und Therapie
Mein Coaching dient der persönlichen und beruflichen Entwicklung. Es ersetzt keine medizinische, psychiatrische oder psychotherapeutische Untersuchung oder Behandlung. Ich stelle keine Diagnosen und behandle keine psychischen Erkrankungen. Wenn du unter einer behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankung leidest oder dich akut stark belastet fühlst, wende dich bitte an eine Ärztin, einen Arzt oder eine approbierte Psychotherapeutin bzw. einen approbierten Psychotherapeuten.
P.P.S.: Wenn du mehr zum Thema lesen möchtest, dann findest du hier 2 passende Blog-Artikel verlinkt: Perfektionismus loslassen und Innere Antreiber


